Treue – ein heikles Thema

Für Treue gibt es keine festgeschriebenen Regeln. Dafür aber umso mehr Wünsche, Erwartungen und Ansprüche. Natürlich wird niemand gerne betrogen. Auf der anderen Seite hat jeder Mensch auch schon mal ein oder auch mehrere Fremdgeh-Erlebnisse gehabt, und sei es nur in der Fantasie.

Treue, bis dass der Tod Euch scheidet – ist das wirklich so erstrebenswert? Kleben wir nicht alle in unseren Vorstellungen an der happy end-Schlusseinstellung eines jeden alten Hollywood-Liebesfilms, in der die Liebenden sich nun endlich gefunden haben und in einem innigen Kuss für immer und ewig miteinander verschmelzen? Was eventuell nach diesem innigen Kuss kommen könnte, wird in Hollywoodfilmen nicht gezeigt. Um Gottes willen – nein!!! Für alle Zeiten werden diese Frau und dieser Mann sich innig küssen, wahnsinnig lieben, nie streiten, sich immer schön und attraktiv finden und ihre Krisen – wenn es überhaupt welche geben sollte – supergut meistern. Und genauso denken auch wir. Eine Beziehung muss alles bieten: emotionale Heimat, Stabilität und sexuelle Erfüllung. Und zwar für immer!

Dieser berühmte Leinwand-Kuss mit allem, was er impliziert, hat sich tief in die Seele unserer westlichen Kultur eingeprägt. Er besiegelt grenzenlose Liebe, bedingungslose Treue und ewigen Beistand. Leider hat dies mit der Realität so gut wie gar nichts zu tun. Im wirklichen Leben geht es nicht immer so schön problemlos dahin, es gibt Umwege, Irrwege und Stolpersteine, es gibt handfesten Beziehungskrisen, Trennungen auf Zeit, Versuchungen und Verführungen überall. Und Christian Morgenstern hatte recht, wenn er meinte: Wer sich selbst treu bleiben will, kann nicht immer anderen treu bleiben.

Dies soll aber nun kein Plädoyer für Untreue werden. Im Gegenteil: Treue ist etwas Wunderschönes, solange sie aus freiem Willen geschieht. Oder, wie ein chinesisches Sprichwort sagt: Wenn Treue Spaß macht, dann ist es Liebe. Genau das ist der Punkt. Was aber, wenn Treue nicht mehr Spaß macht?

In unserer heutigen Zeit greifen viele alte Modelle nicht mehr. Das gilt auch für das

Zusammenleben von Mann und Frau. Das Modell der Ehetreue stammt aus Zeiten, in denen die Frau noch keine Möglichkeit hatte, sich selbst und eventuell auch noch Kinder zu ernähren. Zumindest nach außen wahrte man den Schein einer glücklichen Ehe und spielte sich Treue vor. Die gute Nachricht: Heute hat man die Möglichkeit, die für einen am besten passende Form zu wählen und muss sich nicht mehr allgemein gültigen Normen unterordnen.

Es gibt so viele verschiedene Formen, eine Beziehung zu leben, wie es Menschen gibt. Es gibt Pärchen, die immer zusammen und ein Leben lang miteinander glücklich sind. Es gibt aber auch andere Paare, die sich nicht weniger lieben, aber gegenseitig genügend Freiraum lassen für eigene Erlebnisse. Oder Paare, die aus beruflichen Gründen wenig Zeit miteinander verbringen können und sich trotzdem sehr lieben. Die Kunst besteht darin, die Partnerin bzw. den Partner zu finden, die oder der gleich oder zumindest ähnlich tickt. Denn wenn man selbst hohe Erwartungen an Treue hat und sich mit einem notorischen Fremdgänger zusammentut, wird man ganz sicher niemals glücklich.