Streit

In jeder Beziehung kommt es ab und zu zum Streit. Und das ist auch gut so, denn ein handfester Streit kann wie ein klärendes Gewitter sein: Wenn sich zu viel Spannung aufgebaut hat, muss sie sich entladen. Dann blitzt und donnert es solange, bis die Luft rein ist und die Sonne wieder scheinen kann. Darum heißt es auch in einem Sprichwort: „Zwist unter Liebesleuten hat nicht viel zu bedeuten“.

Doch was, wenn aus dem „ab und zu“ „die ganze Zeit“ wird, und die Sonne gar nicht mehr scheinen will? Bevor der Streit zum Dauerzustand wird und man sich gegenseitig immer wieder mit denselben Vorwürfen bombardiert, empfiehlt es sich, bewusst eine kleine Auszeit zu suchen und ein bisschen tiefer nachzudenken. Da kann ein Wellness-Wochenende in den Alpen hilfreich sein, ein Abend mit einem Menschen, der gut zuhören kann, ein Tag am See oder ein Spaziergang ganz alleine im Wald. Wichtig ist, dass man ‚rauskommt aus dem gewohnten Ambiente, um sich einmal ganz den wesentlichen Fragen zu widmen. Was läuft schief in meiner Beziehung? Was ist es, das mich am anderen so wahnsinnig aufregt? Warum ändert sie/er sich nicht und warum kann ich nicht aufhören, sie/ihn ändern zu wollen? Ist da wohlmöglich eine Seite in mir, die ich vielleicht (noch) nicht sehen kann? Liegt da etwa ein Nerv offen, der schon bei der leisesten Berührung zu schmerzen beginnt? Und wenn – warum?

Es gibt Menschen, die brauchen Streit als sexuellen Stimulus. Ohne Streit keine Lust. Doch meistens ist es genau umgekehrt: Streit tötet Lust. Wie auch immer – man sollte auf alle Fälle immer darauf achten, den Partner beim Streiten nicht zu verletzen. Und es gibt Möglichkeiten, seinen Frust zu formulieren ohne den anderen zu beleidigen. Anstatt zu zum Beispiel den anderen anzuschreien und mit IMMER- oder NIE-Sätzen in der Rolle des Bösewichts festzunageln, ist es besser, von den eigenen Gefühlen zu sprechen. Denn um die geht es ja, wenn man sich ärgert. Also nicht: „Du kommst IMMER zu spät!“ oder „Du bist NIE pünktlich!“, sondern lieber: „Weißt Du, ich fühle mich wirklich verarscht, wenn ich so lange auf Dich warten muss.“ Oder einfach mal eine andere, positive Variante ausprobieren wie z.B.: „Gehst Du bitte Einkaufen? Danke!“ und nicht: „IMMER muss ich einkaufen gehen!“

Manchmal steckt man allerdings so sehr im Schlamassel, dass man gar nichts mehr sieht und überhaupt nicht mehr klar denken kann. Gottseidank gibt es für solche Fälle professionelle Hilfe. Und natürlich kann es auch einfach passieren, dass man an einem Punkt angekommen ist, ab dem man nicht mehr zusammen leben will und kann. Zu unterschiedlich sind die Welten, zu groß die Kluft, die sie trennt. Manchmal ist es auch für einen der beiden einfach der falsche Zeitpunkt, oder man stellt erst nach einer Weile fest, dass man den anderen nicht „riechen“ kann. Und manchmal soll es eben einfach nicht sein.

Die Kunst besteht darin, herauszufinden, ob ein gemeinsamer Weg möglich ist oder nicht. Wenn nicht, war es immerhin eine Erfahrung, aus der man hoffentlich so viel gelernt hat, dass man sie nicht gleich wieder mit der oder dem Nächsten wiederholen muss.

Und, zu guter Letzt ein kleiner Trost: Andere Mütter haben auch schöne Töchter/Söhne!